PNEUMA

14 Oktober 2017

Lange Nacht der Münchner Museen 2017 19 Uhr - 2 Uhr

Eine Kooperation von St. Lukaskirche und Apartment der Kunst München


PNEUMA

ein Projekt von Wang Te-Yu und Lin Wei-Lung (beide Taiwan)

Kuratiert von: Lars Koepsel

Eine Zusammenarbeit von St. Lukas mit dem Apartment der Kunst München

Das Pneuma („Geist“, „Hauch“, „Luft“, „Atem“)

In der antiken Medizin vermutete man das Pneuma, je nach Sichtweise als Lebens-pneuma im Herzen oder/und psychisches Pneuma im Gehirn.

Das antike Konzept des Pneumas ist aber nicht nur auf Körper und Geist bezogen, sondern weiter gefasst. Es bedeutet auch so etwas wie Windhauch oder Druck und hat Bezüge zu ähnlichen Konzepten wie dem chinesischen (Chi) was sozusagen eine Verbindung von Energie-Atem-Seele ausdrückt die alles durchdringt und somit kosmische Energie ausdrückt.Dass das Leben und der Atem einander bedingen, gehört zu unseren am tiefsten verwurzelten Erfahrungen. Ohne Atem kein Leben. Und in den altdeutschen Wurzeln des Wortes Atem steckt nicht von ungefähr auch das Wort Odem, den Gott dem Menschen einhauchte um ihn zu erwecken und den Lebenskreislauf in Gang zu setzen.

Wang Te-yu’s Arbeiten beruhen grundsätzlich auf einer sehr einfachen Idee. In den 90iger Jahren begann Sie aus unterschiedlichen Textilstoffen flexible Räume zu nähen , welche die Besucher teilweise auch betreten und von innen erfahren können, was grundsätzlich die alltäglichen Wahrnehmungsmechanismen in Frage stellt.

In St.Lukas ist der Altar auf den ersten Blick in einer weichen aufgeblasenen ballonartigen Skulptur verschwunden, deren leicht transparente Hülle Ihn aber immer noch erahnen läßt. Der Teil in einer Kirche in dessen Richtung sich alles konzentriert ? Verhüllt?Nun, auf den ersten Blick scheint es so als ob man etwas nimmt. Und natürlich, zuerst verschwindet die Pracht und Opulenz die der Altar ausstrahlt und statt dessen befindet sich plötzlich ein fremdes Ding wie aus einer anderen Welt an seiner Stelle. Aber einerseits ist die Skulptur betretbar und öffnet dann dem Zuschauer eine ganz neue Perspektive (betritt man die Skulptur durch den Reißverschluss, entweicht Luft ,verliert an Volumen und füllt sich wieder beim schließen des Verschlusses), unter anderem auch weil er dann plötzlich allein mit dem Altar ist und eine Art der Wahrnehmung kreiert wird , die auf die eigene Existenz hinweist. Andererseits befindet sich vor den Treppen für die Zeit der Installation ein Filialaltar, der auf die einfachsten und grundsätzlichsten Funktionen für die Zeremonie reduziert ist und so auf die Einfachheit im Glauben zurückverweist.

Am 4. Oktober beginnt Li Wei-Lung´s elftägige Performance, welche bei ihm immer auch Grenzerfahrungen bezüglich seiner eigenen körperlichen und geistigen Möglichkeiten sind. 24 Stunden am Tag läßt er alle halbe Stunde einen schwarzen, mit Helium gefüllten, Ballon mit einem dünnen ca. 30 m langen geflochtenen Schweif aus Menschenhaar aufsteigen. Nach einigen Stunden beginnen sie abzusteigen, das Haar wird gelöst und an einen neuen Ballon geknüpft.Es entwickelt sich durch das permanente auf- und absteigen ein schwebender Kreislauf im Kirchenraum der symbolisch für den Atem bzw. für den Kreislauf des Lebens steht.

Lin Wei-Lung wählt bewußt Menschenhaar weil es mit einer Menge an Konnotationen aufgeladen ist und so eine entsprechende Deutungsvielfalt zuläßt.In der christlichen Welt mag man zuerst an die Geschichte vom unbesiegbaren Samson aus dem Alten Testament denken, der seine Kräfte erst einbüßt nachdem er verraten und ihm die Haare geschoren wurden. In vielen Kulturen wird das scheren der Haare auch als Form der Erniedrigung empfunden und für eine/n Sikh beispielsweise wäre es geradezu frevelhaft würde er sich die Haare schneiden, weil man überzeugt ist ,das die Haare göttliche Energie spenden. Ein buddhistischer Mönch schert die Haare um sich von seiner „vormaligen“ Identität zu reinigen. Oder auch ganz profan. Viele Menschen verkaufen Ihre Haare aus den unterschiedlichsten Gründen und wir finden Sie im täglichen Leben dauernd wieder, egal ob wir Menschen mit Perücken begegnen oder ins Theater gehen etc. So oder so. Hinter jedem hier genutzten menschlichen Haar verbirgt sich eine Geschichte die wir nicht kennen und eine große Deutungsvielfalt zulassen.